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BEDEL BOSELI
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Evliya Çelebi bereiste im 17. Jahrhundert Kurdistan. Der Name Kurdistan, Abdal Khans Bibliothek in Bitlis, kurdische Wortlisten: das Zeugnis eines Reisenden.

Kurdistan mit den Augen Evliya ÇelebisGeschichte und Identität
July 13, 202614 Minuten read64 views

Kurdistan mit den Augen Evliya Çelebis

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Kurdistan mit den Augen Evliya Çelebis

Auf einen Blick

  • Evliya Çelebi wurde 1611 in Istanbul geboren; sein Leben verbrachte er auf den Straßen. Seine zehnbändige Seyahatname ist der reichste Reisetext seiner Zeit.
  • Durch die kurdische Geographie zog er in drei großen Reisen: 1646, 1649-50 und 1655-56. Martin van Bruinessen hat diese Routen Schritt für Schritt nachgezeichnet.
  • In der Seyahatname erscheint der Name Kurdistan mit Selbstverständlichkeit. Evliya meint damit nicht nur eine osmanische Provinz, sondern die weite Geographie, in der die Kurden leben.
  • Evliyas Maß lautet: von Erzurum bis in die Nähe von Basra ein Weg von siebzig Tagen. Seine Zahlen sind übertrieben; seine Beschreibung der Geographie dagegen ist klar.
  • Das Wort war auch in der Staatssprache jener Zeit gewöhnlich; die Osmanen gründeten 1847 sogar eine Verwaltungseinheit mit dem Namen Provinz Kurdistan.
  • In Bitlis war er Gast des Herrschers Abdal Khan und bewunderte ihn. Auf dem Feldzug von 1655 wurde er Zeuge des Sturzes des Khans und der Plünderung seiner reichen Bibliothek; unter den verstreuten Büchern verzeichnete er die Scherefname.
  • Er hörte dem Kurdischen zu: Wortlisten, ein Lied, Gedichte und eine Kaside, die er in Amadiya abschrieb. Nach Bruinessen könnte diese Kaside die älteste bekannte Abschrift eines kurdischen Gedichts sein.
  • Scherefname und Seyahatname sind zwei Zeugen desselben Jahrhunderts: der eine ein mîr, ein Fürst, der von innen schreibt, der andere ein Reisender, der von außen blickt.

Bitlis, 1655. Im Hof des Palastes wimmelt es von Soldaten. Das osmanische Heer hat die Residenz des Herrschers zur Plünderung freigegeben. Teppiche, Waffen, Uhren wechseln die Hände. Und Bücher: Bände kommen in den Hof, unter den Hammer.

Mitten in der Menge steht ein Mann. Ein Reisender, mit dem Heer gekommen; um die vierzig, scharfen Auges, das Heft bereit. Er blickt auf die Bücher, die von Hand zu Hand gehen. Den Namen eines von ihnen wird er später notieren: Scherefname. Das Buch, in dem der alte Herrscher von Bitlis die Geschichte seines Volkes erzählte, sechzig Jahre vor dieser Plünderung geschrieben, vielleicht nur ein paar Zimmer weiter.

Der Name des Reisenden ist Evliya Çelebi, sein Heft die später zehn Bände umfassende Seyahatname. In diesem Text blicken wir mit seinen Augen auf Kurdistan: was er sah, hörte und übertrieb.

Wer war der Reisende? Vierzig Jahre Straße, zehn Bände Heft

Evliya wurde 1611 in Istanbul geboren, vierzehn Jahre nach dem Abschluss der Scherefname. Er wuchs im Umkreis des Hofes auf, wurde gut ausgebildet und mit seiner schönen Stimme Koranrezitator und Gebetsrufer. Dann fand er das Werk seines Lebens: das Reisen. Fast vierzig Jahre bereiste er das osmanische Land und dessen Nachbarn. Sein Tod wird in die 1680er Jahre datiert, meist nach Kairo.

Die Seyahatname ist ein seltsames Buch. Seine Zeitgenossen fanden es ungeordnet und hielten es nicht für ernste Geschichte. Staatsurkunde und derbe Anekdote, Moscheearchitektur und Kochrezept, Heiligenlegende und politischer Klatsch stehen auf derselben Seite. Heute ist es gerade darum wertvoll. Die amtlichen Chroniken schreiben die Herrschenden; Evliya schreibt die Straße, den Tisch, die Kleidung, die Sprache. Bruinessen unterstreicht: Für die Lage der Frauen, die Volksfrömmigkeit, die Minderheiten und die Sprachen ist Evliya unter den osmanischen Autoren seiner Zeit fast die einzige Quelle.

Eine Warnung noch: Die Druckausgaben, die wir heute lesen, sind problematisch. Die ersten gedruckten Bände erschienen unter Sultan Abdülhamid II.; die Zensur veränderte den Text an Stellen. Die als Evliyas Urhandschrift geltende Fassung wurde erst später ausgewertet. Die Seyahatname zu lesen heißt, Schicht um Schicht auszubessern.

Drei Reisen in der kurdischen Geographie

Evliya durchquerte die kurdische Geographie in drei großen Etappen; Bruinessen klärt die Routen.

Die erste 1646: Der junge Evliya zog im Gefolge des nach Erzurum ernannten Paschas über die Nordroute und berührte Kurdistan nur am Rand. Die zweite 1649-50: von Damaskus und Aleppo nach Urfa, dann über Harput, Pertek, Palu, Genc und Muş bis in die Berge von Bingöl. Die dritte, längste, 1655-56: Als sein Verwandter Melek Ahmed Pascha Statthalter von Van wurde, schloss sich Evliya an. In Diyarbekir und Bitlis blieb er lange, ließ sich in Van nieder, ging nach Hakkari und in den Iran, stieg nach Bagdad hinab. Von dort eine Südtour über Amadiya, Cizre und Hasankeyf bis Mossul. Über das im Wasser versunkene Hasankeyf haben wir gesondert geschrieben: Zwölftausend Jahre unter Wasser.

Das Schicksal dieses letzten Abschnitts ist traurig. Evliya konnte jenes Heft nie vollenden; in der Handschrift blieben leere Seiten und unausgefüllte Überschriften, denen er bis zu seinem Tod Ergänzungen hinzufügte. Dieses halb gebliebene Heft über das südliche Kurdistan ist nach Bruinessen für die am wenigsten bekannte Region der Zeit eine unschätzbare Quelle.

Der Name Kurdistan in der Seyahatname

Kommen wir nun zur eigentlichen Frage: Was meinte Evliya, wenn er „Kurdistan" sagte?

In der osmanischen Amtssprache war Kurdistan ein Provinzname, eine Verwaltungseinheit. Evliya aber gebraucht das Wort meist weiter: ohne Rücksicht auf politische Grenzen meint er die Geographie, in der die Kurden leben. An einer Stelle beklagt er die Beschwerlichkeit des Weges und nennt das Gelände „Kürdistan ve Türkmenistan ve sengistan": das Land der Kurden, der Turkmenen und der Steine. Darin steckt die Herablassung des Städters gegenüber dem Bergland; Evliya war kein Engel.

Doch auf anderen Seiten wird die Beschreibung ernst. Evliyas Maß: Kurdistan reicht im Norden von Erzurum über Van, Hakkari, Cizre, Amadiya, Mossul, Şehrezûr, Harir und Erdelan bis nach Bagdad und in die Nähe von Basra; seine Länge ist ein Weg von siebzig Tagen, seine Breite einer von fünfzehn bis fünfundzwanzig Tagen. In diesen Ländern lebten fünfhunderttausend schafiitische Muslime mit Gewehr, sagt er; das Schafiitentum ist die unter den Kurden verbreitete sunnitische Rechtsschule. Er zählt 776 Burgen und fügt hinzu: alle wohlerhalten. Die Zahlen sind Evliya-Zahlen; die Beschreibung der Geographie aber ist überraschend klar.

Evliya gibt auch eine staatliche Überlegung wieder: Diese sechstausend kurdischen Stämme seien ein fester Wall zwischen Iran und dem Osmanischen Reich; ohne sie marschiere das persische Heer mühelos nach Anatolien. Bruinessen bindet dieses Puffer-Argument an ältere Quellen: eine Linie von İdris-i Bitlisî über die Scherefname bis zu Aziz Efendis Reformschrift. Die verhältnismäßige Selbstständigkeit der kurdischen mîrlik, der von Herrscherfamilien geführten örtlichen Verwaltungen, war Teil der Sicherheitspolitik des Reiches. Evliya sah es an Ort und Stelle: In einem kleinen hükûmet wie Palu gab es kein timar, also kein für den Kriegsdienst vergebenes Bodeneinkommen; auch keine Janitscharen. Das Einkommen blieb beim örtlichen Herrscher, und dafür stellte dieser im Krieg zweitausend Reiter.

Zum Wort selbst eine Notiz: Kurdistan war auf den Karten, in den Erlassen und Chroniken jener Zeit ein gewöhnlicher Name; die Osmanen gründeten 1847 sogar eine Provinz dieses Namens. Die Spannung, die dasselbe Wort im folgenden Jahrhundert gewann, ist die Geschichte der modernen Zeit, nicht die Evliyas.

Bitlis: der Palast und die Bibliothek Abdal Khans

Der Ort, an dem Evliya in der kurdischen Welt am längsten blieb und am meisten schrieb, ist Bitlis. Bei seiner ersten Ankunft 1655 nahm ihn der Herrscher Abdal Khan als Gast auf. Evliya bewundert diesen Mann offen: einen gelehrten Herrscher, dessen Fertigkeiten kaum zu zählen sind; seinen Palast, seine Gärten und seine Bibliothek beschreibt er lang und breit. Bruinessens Urteil lautet: Die Bitlis-Seiten sind ein Bild vom Alltag eines kurdischen Fürstentums, von einer Lebendigkeit, die keine andere Quelle bietet.

Dann verwirrten sich die Dinge. Abdal Khan und die osmanische Verwaltung gerieten aneinander; der Statthalter von Van, Melek Ahmed Pascha, führte einen Strafzug gegen den Khan. Evliya war mit dem Heer dabei und sah alles: Die Truppen stürzten den Khan und setzten seinen Sohn ein; die Soldaten plünderten den Palast. Die reiche Bibliothek zerstreute sich, die Bücher kamen unter den Hammer. Darunter verzeichnete Evliya die Scherefname. Es ist seine einzige Erwähnung; nach Bruinessen hatte er von dem Buch gehört, es aber offenbar nicht gelesen.

Das Ende ist noch verblüffender. Ein Jahr später zog Evliya zum dritten Mal durch Bitlis und fand Abdal Khan wieder auf seinem Thron. Diesmal blieb der Reisende eine Weile als Geisel bei dem Khan. Sturz und Rückkehr waren Teile derselben Ordnung: Das Machtgleichgewicht zwischen Reich und Fürstentum bewegte sich in solchen Gezeiten. Die Bitlis-Seiten haben später Forscher wie Köhler, Sakisian und Dankoff in eigene Bücher überführt.

Diyarbekir, Van, Hakkari: drei Städte, drei Notizhefte

Diyarbekir erreichte Evliya 1655 und schrieb die Stadt mit Appetit: ihre Burg, ihre Basare, ihre Gärten am Tigris, die fünfzig Okka schweren Wassermelonen. Das Gehalt ihres Richters lag weit über dem kleinerer Zentren wie Palu, ihre Kaufleute handelten mit fernen Ländern. Diese Stadt mit Mauer und Hevsel-Gärten haben wir gesondert erzählt: Das Gedächtnis der Steine.

Van war der Stützpunkt der dritten Reise. Evliya lebte hier an der Seite Melek Ahmed Paschas und brach bei jeder Gelegenheit ins Umland auf. Er ging auch auf eine Gesandtschaftsreise in den Iran; deren Glaubwürdigkeit ist umstritten.

Die Hakkari-Notizen sind ein eigener Schatz. Evliya hinterließ über Stämme und örtliche Politik Einzelheiten, die in den amtlichen Aufzeichnungen fehlen; die Forscher beklagen, dass dieser Abschnitt lange nicht ordentlich gedruckt wurde. Wie die Stammesordnung funktionierte, zeigt ein eigener Text: Agha, Scheich und mîr.

Evliya lauscht dem Kurdischen

Die für die Kurden vielleicht wertvollste Seite: Evliya hörte der Sprache zu.

Zuerst die Legende, die er über den Ursprung erzählt. Evliya berichtet, gestützt auf einen armenischen Geschichtsschreiber, den er Mighdisî nennt: Die erste Stadt nach der Sintflut sei Cudi gewesen; Melik Kürdim aus der Gemeinde Noahs habe sechshundert Jahre gelebt, sich in Meyyafarikin niedergelassen und sich eine neue Sprache geschaffen, weder Hebräisch noch Arabisch, weder Persisch noch Dari noch Pehlevi. Das Kurdische habe seinen Namen von diesem Melik Kürdim. So erzählt es die Volksüberlieferung; das Dokument schweigt. Die Quelle namens Mighdisî konnte bis heute niemand bestimmen. Doch selbst die Legende ist kostbar: Sie zeigt, aus der Feder eines osmanischen Reisenden, dass das Kurdische im siebzehnten Jahrhundert als eigene und alte Sprache galt.

Auch den Beobachter lässt Evliya sprechen: Kurdistan sei ein grenzenloses Land steinerner Berge; darum habe das Kurdische zwölf Arten, und manchmal verständige man sich nur mit einem Dolmetscher. Die Mundarten zeichnet die Sprachwissenschaft heute anders; die Vielfalt selbst aber hat Evliya richtig gesehen.

Dann kommt er zu den Beispielen. Bei Meyyafarikin, nahe dem heutigen Silvan, stellt er eine Wortliste zusammen; er schreibt ein Lied aus der Mundart von Cizre, Sätze aus der von Hakkari. Ein langes Gedicht aus der Gegend von Bitlis verzeichnet er als „Rojiki"; nach Bruinessen ist dessen Grammatik eigentlich türkisch, der Wortschatz reich an armenischen Wörtern. So belegt Evliyas Aufzeichnung auch die ineinander verschränkten Sprachen der Zeit.

Die wertvollste Aufzeichnung kommt aus Amadiya. Dort war Evliya Gast des Khans; die bewaffnete, kriegerische und berühmte Gelehrtenschaft der Stadt schildert er mit Staunen, und ihre Handwerker trügen gestreiftes şal û şapik, die überlieferte Tracht des kurdischen Mannes, ein Gewand aus Jacke und weiter Hose. Das Kurdisch von Amadiya hält er für die literarischste aller Mundarten und schreibt eine Kaside des örtlichen Gelehrten Molla Ramazan Kürdiki ab; die Kaside ist die lange Form der klassischen östlichen Dichtung. Ihr erstes Verspaar lautet:

Reyi li Asef diken, walih û heyranê 'işq Dersê Aresto diden, serxweş û sekranê 'işq

Ungefähr: Die Verrückten der Liebe geben dem Wesir Rat; die Trunkenen der Liebe lehren Aristoteles. Bruinessens Urteil ist groß: Diese Abschrift könnte die älteste bekannte schriftliche Fassung eines kurdischen Gedichts sein; von älteren Dichtern liegen uns die Handschriften erst aus viel späterer Zeit vor. Und in Amadiya sah Evliya ein reiches Umfeld kurdischer Dichtung. Melayê Cezîrî war also kein Wunder für sich allein, sondern der am besten erinnerte Name eines weiten Dichterkreises. Von der Spitze jenes Kreises, von Ehmedê Xanî und Mem û Zîn, erzählt ein eigener Text: Mem û Zîn und Ehmedê Xanî.

Die Übertreibungen des Reisenden: Wie liest man Evliya?

Bis hierher das Lob; jetzt die ehrliche Warnung. Evliya liebt die Ausschmückung. Er rundet Zahlen, vergrößert sie, erfindet sie mitunter. „776 Burgen, und alle wohlerhalten": eine sicher wirkende Übertreibung. Sechstausend Stämme, fünfhunderttausend mit Gewehr: keine Zählung, sondern auf Wirkung berechnete Rede.

Das ernstere Problem liegt im Iran-Abschnitt. Bruinessens Befund ist klar: Ein Teil von Evliyas Bericht über den Westiran ist so falsch, dass man fragt, ob er jene Orte wirklich sah; er scheint ein viel älteres Geographiebuch zu wiederholen, das Werk Qazwinis. Widerlegt das alles? Nein. Auch das andere Urteil steht fest: Die Kurdistan-Abschnitte sind ungeordnet, stehen aber nah an der Wahrheit; Vergleiche mit Archivdokumenten haben seine Beobachtungen an Stellen bestätigt.

Die Methode des Historikers ist bekannt: Evliya gilt allein nicht als Beweis, er wird mit anderen Quellen abgewogen. Kommt eine Zahl, wird der Filter enger; kommt Brauch, Kleidung, Sprache, Straßenbeschreibung, wächst das Vertrauen. Evliya ist kein Fotoapparat; er ist ein Fernrohr mit farbigem Glas. Wer die Farbe des Glases kennt, liest das Bild richtig.

Zwei Zeugen, ein Jahrhundert: Scherefname und Seyahatname

Bruinessens Untersuchung beginnt mit einem Satz: Etwa sechzig Jahre nachdem Şerefxan die Scherefname vollendet hatte, bereiste Evliya Çelebi Kurdistan von einem Ende zum anderen. Diese beiden Texte nebeneinanderzulegen öffnet zwei getrennte Fenster zur kurdischen Welt des siebzehnten Jahrhunderts.

Die Scherefname blickt von innen: aus der Feder eines mîr, geordnet und systematisch; sie schreibt Dynastien, Stammbäume, Verwaltungen. Die Seyahatname blickt von außen: ungeordnet, aber sie kennt die Straße; sie schreibt die Frau, den Derwisch, den Handwerker, das Lied, die Wassermelone. Bruinessen sagt, die beiden ergänzten einander: Die Scherefname ist die wichtigste Quelle der kurdischen Geschichte; Evliya lässt den Alltag sprechen, über den sie schweigt.

Die zwei Zeugen des Jahrhunderts taten, ohne voneinander zu wissen, dieselbe Arbeit: Sie hielten fest. Der eine im Zimmer seiner Burg, der andere zu Pferd. Wer heute kurdische Geschichte schreibt, muss beide Hefte zugleich aufschlagen. Die Geschichte der Scherefname haben wir früher erzählt: Die Scherefname von 1597. Dieser Text ist der Weggefährte jenes Textes.

Häufige Fragen

Wann reiste Evliya Çelebi in die kurdische Geographie? In drei großen Reisen: 1646 über Erzurum, 1649-50 über Urfa, Harput, Palu und Muş, 1655-56 über Diyarbekir, Bitlis, Van, Hakkari und im Süden über Amadiya, Cizre und Hasankeyf. Die Aufzeichnungen stehen vor allem im vierten und fünften Band.

Kommt das Wort „Kurdistan" in der Seyahatname vor? Es kommt vor, und mit Selbstverständlichkeit. Evliya meint damit sowohl die osmanische Verwaltungseinheit als auch, weiter gefasst, die Geographie, in der die Kurden leben; ihre Grenzen umreißt er von Erzurum bis in die Nähe von Basra, ein Weg von siebzig Tagen.

Wer ist Abdal Khan? Ein kurdischer Herrscher, der im siebzehnten Jahrhundert Bitlis regierte. Evliya war sein Gast und bewunderte Wissen, Palast und Bibliothek. 1655 stürzte ihn ein osmanischer Feldzug, die Soldaten plünderten seine Bibliothek; ein Jahr später übernahm der Khan die Herrschaft zurück. Evliya ist Augenzeuge.

Was hielt Evliya über das Kurdische fest? Er schrieb, es sei vielgestaltig, und sammelte Wortlisten und Gedichtbeispiele. Die Kaside, die er in Amadiya abschrieb, könnte nach Bruinessen die älteste bekannte Fassung eines kurdischen Gedichts sein. Das Kurdisch von Amadiya hält er für die literarischste Mundart.

Wie sehr können wir Evliyas Berichten trauen? Mit Maß. Seine Zahlen und manche Heldenszenen übertreibt er; der Iran-Abschnitt trägt ernste Zweifel. Seine Kurdistan-Beobachtungen dagegen finden die Forscher nah an der Wahrheit und haben sie an Stellen mit Archivdokumenten bestätigt. Er wird nicht als einzige Quelle gelesen, sondern als abgewogene.

Quellen und weiterführende Literatur

Hauptquellen (aus der Sammlung Bedel Boseli):

  • Martin van Bruinessen, „Kurdistan in the 16th and 17th Centuries, as Reflected in Evliya Çelebi's Seyahatname", The Journal of Kurdish Studies 3 (2000): das Rückgrat dieses Textes; die Reiserouten, die Beschreibung Kurdistans, die Abdal-Khan-Seiten, die Sprachbeispiele und die Kaside stammen von hier.
  • Şerefxan Bidlisi, Sharafnama (englische Edition von Dr. Mehrdad R. Izady): für den Vergleich der beiden Zeugen.
  • Die Studie „Kurdistan in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die Gründung der Provinz Kurdistan" aus der Sammlung: die Angabe zur Provinz Kurdistan von 1847 stammt von hier.

Weiterführende Literatur:

  • Robert Dankoff, Evliya Çelebi in Bitlis (Brill, 1990) und The Intimate Life of an Ottoman Statesman (1991).
  • Martin van Bruinessen und Hendrik Boeschoten, Evliya Çelebi in Diyarbekir (Brill, 1988).
  • Martin van Bruinessen, „Kurden und ihre Sprachen im 17. Jahrhundert: Evliya Çelebis Notizen über die kurdischen Dialekte", Studia Kurdica 1-3 (1985).

Social-Media-Kurztexte

Die folgenden Kurztexte sind zum Teilen gedacht; einfach kopieren und verwenden.

  1. Der osmanische Reisende Evliya Çelebi nannte Kurdistan im 17. Jahrhundert selbstverständlich bei seinem Namen und vermaß es: von Erzurum bis in die Nähe von Basra ein Weg von siebzig Tagen. Das Heft eines Zeugen: bedelboseli.com/de/evliya-celebi-in-kurdistan

  2. Osmanische Soldaten plünderten 1655 den Palast von Bitlis; die Bücher kamen unter den Hammer. Evliya war dabei und verzeichnete unter den verstreuten Bänden die Scherefname. Der Zeuge einer Bibliothek: bedelboseli.com/de/evliya-celebi-in-kurdistan

  3. Die Kaside, die Evliya in Amadiya abschrieb, könnte die älteste bekannte Fassung eines kurdischen Gedichts sein. Das Kurdische in der Seyahatname, gelesen mit Bruinessen: bedelboseli.com/de/evliya-celebi-in-kurdistan

  4. 776 Burgen, alle wohlerhalten: Evliya vergrößert seine Zahlen gern. Wie liest der Historiker ihn also? Mit dem Filter. Die Übertreibungen und die Wahrheit des Reisenden: bedelboseli.com/de/evliya-celebi-in-kurdistan

  5. Dasselbe Jahrhundert, zwei Zeugen: der mîr Şerefxan, der von innen schreibt, der Reisende Evliya, der von außen blickt. Zwei Fenster zur kurdischen Geschichte in einem Text: bedelboseli.com/de/evliya-celebi-in-kurdistan

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