Skip to content
گەڕانەوە بۆ وتارەکان

Die erste kurdische Zeitung erschien 1898 im Exil in Kairo. Die Bedirxans, ihre Wanderdruckerei und die Geburt der kurdischen Presse fern der alten Heimat.

Die Zeitung Kurdistan (1898): Kurdische Presse, im Exil geborenGeschichte und Identität
13. Juli 202612 Minuten Lesezeit17 views

Die Zeitung Kurdistan (1898): Kurdische Presse, im Exil geboren

Read in:DEENTR
Die Zeitung Kurdistan (1898): Kurdische Presse, im Exil geboren

Auf einen Blick

  • Die erste kurdische Zeitung, Kurdistan, erschien am 22. April 1898 in Kairo. Dieser Tag gilt heute als Tag des kurdischen Journalismus.
  • Herausgeber war Mikdad Midhat Bedirxan, ein Mitglied der Bedirxans, der ins Exil verbannten Herrscherfamilie der Region Botan.
  • Das Blatt entstand nicht in Istanbul, sondern in Kairo. Unter der Zensur Sultan Abdülhamids II. konnte eine solche Zeitung im Reich nicht überleben.
  • Kurdistan war vierseitig, in arabischer Schrift auf Kurmancî gesetzt, dem im Norden gesprochenen Hauptdialekt des Kurdischen; einzelne Teile standen auf Osmanisch. Das Ziel nannte schon die erste Nummer: Das Volk solle lesen und von der Welt erfahren.
  • Von den ersten Nummern an druckte die Zeitung Ehmedê Xanîs Versepos Mem û Zîn in Fortsetzungen. Die erste kurdische Zeitung trug den ersten großen kurdischen Klassiker.
  • Ihr Erscheinungsweg liest sich wie eine Exilroute: von Kairo nach Genf, weiter nach London und Folkestone. Von 1898 bis 1902 kamen einunddreißig Nummern heraus.
  • Dass die Zeitung Kurdistan überhaupt erreichte, war ein Kampf für sich: über die Grenzen geschmuggelt, von Hand zu Hand gereicht.
  • Kurdistan war ein Anfang. 1908 folgte in Istanbul die Kürt Teavün ve Terakki Gazetesi, 1913 Rojî Kurd, 1918 Jîn.
  • Dieser Text erzählt, wie ein Volk, dem die Druckpresse verboten war, die Presse im Exil gründete.

April 1898. In einem Druckraum in Kairo hängt der Geruch von Druckerschwärze. Frisch gezogene Bogen liegen zum Trocknen aus. Die Lettern darauf sind arabisch. Doch ihre Anordnung ergibt weder Arabisch noch Osmanisch. Diese Buchstaben schreiben eine Sprache, die bis dahin in keiner Zeitung nebeneinandergestanden hat.

Am Tisch steht ein Mann in den Vierzigern: Mikdad Midhat Bedirxan. Zuoberst auf dem Bogen steht ein einziges Wort, der Name des Blattes: KURDISTAN.

Was bedeutet es, den Namen des eigenen Volkes zum ersten Mal als Zeitungstitel gedruckt zu sehen? Dieser Mann weiß es besser als jeder andere. Denn sein Familienname ist Bedirxan. Er ist der Sohn des letzten großen mîr von Botan, eines kurdischen Fürsten aus einer Bergregion im heutigen Südosten der Türkei. Ein halbes Jahrhundert zuvor riss man seine Familie aus der Heimat und schickte sie ins Exil: nach Istanbul, nach Kreta, nach Damaskus, eine verstreute Dynastie. Nun macht ein Sohn dieser Dynastie am Ufer des Nils den Namen seines Volkes zum Zeitungskopf.

Es ist der 22. April 1898, im selben Jahr, in dem in Paris Émile Zola mit „J'accuse“ die Dreyfus-Affäre ins Rollen brachte. Fern von jenem europäischen Getöse, in diesem Druckraum am Nil, wird an diesem Tag die kurdische Presse geboren.

Warum Kairo und nicht Istanbul?

Die erste Frage stellt sich von selbst. In den Ländern des Osmanischen Reiches lebten Millionen Kurden, eines der größten staatenlosen Völker des Nahen Ostens, heute zwischen 30 und 45 Millionen Menschen. Warum erschien ihre erste Zeitung dann in Ägypten?

Die Antwort lässt sich in einem Wort geben: Zensur. Die Regierung Sultan Abdülhamids II. hatte die Presse zum am strengsten überwachten Feld des Reiches gemacht. Zeitungen liefen vor dem Druck durch die Kontrolle, „bedenkliche“ Wörter standen auf Listen, oppositionelle Federn schwiegen oder gingen ins Ausland. In einer solchen Ordnung hatte eine kurdische Zeitung keine Überlebenschance, erst recht keine, die „Kurdistan“ hieß.

Kairo dagegen stand in jenen Jahren faktisch unter britischer Verwaltung und war zum Zufluchtsort osmanischer Oppositioneller geworden. Viele regierungskritische Blätter, auch die der Jungtürken, wurden dort gedruckt. Mikdad Midhat Bedirxan nutzte diese Tür.

Ein Satz zum Hintergrund der Familie genügt. Das Fürstentum Botan unterlag 1847 der osmanischen Zentralisierung, die Familie wurde geschlossen ins Exil geschickt. Was das Schwert verloren hatte, suchten die Kinder der verbannten Dynastie mit der Feder zurückzugewinnen. Die Zeitung Kurdistan ist die erste große Frucht dieser Wendung.

Vier Seiten, eine Sache

Kurdistan war ein bescheidenes Blatt: vier Seiten, in arabischer Schrift auf Kurmancî gesetzt. Zeitweise trug es osmanische Abschnitte, denn zur Zielleserschaft gehörten auch osmanische Gebildete, die kein Kurdisch lasen, der Sache aber zugetan waren.

In der ersten Spalte der ersten Nummer legte Mikdad Midhat sein Ziel dar. Der Kern seiner Worte: Man habe die Kurden von allem Weltgeschehen abgeschnitten; diese Zeitung solle ihnen Nachricht und Wissen bringen, damit sie lesen und lernen. Der Ruf nach Bildung zieht sich als Hauptthema durch das Blatt: Lesen und Schreiben für die Kinder, Schulen für das Volk, Achtung für die Sprache.

Und das Geld? Der Verkauf stand nicht im Vordergrund. Die Nummern wurden oft kostenlos verteilt, Hauptsache, sie wurden gelesen. Dies war kein kaufmännisches Unternehmen, sondern ein Blatt für eine Sache. Was treibt einen Mann, eine Zeitung zu verschenken, statt sie zu verkaufen? Die Antwort steht in ihrem Titel.

Ein Klassiker in Fortsetzungen: Mem û Zîn in der Zeitung

Die schönste Arbeit des Blattes stand auf der Literaturseite. Kurdistan druckte Teile aus Ehmedê Xanîs Mem û Zîn, dem großen kurdischen Versepos, in Fortsetzungen ab. Ein Fortsetzungsabdruck heißt: Ein Werk erscheint Nummer für Nummer, in Teilen, wie der Feuilletonroman in der europäischen Presse.

Wie verbindet man zwei Jahrhunderte auf vier Seiten? Man druckt das alte Buch in das neue Blatt. Die erste kurdische Zeitung trägt auf ihren Seiten den ersten großen kurdischen Klassiker, geschrieben rund zwei Jahrhunderte zuvor. Xanî hatte sein Werk mit einem Trotz verfasst: Niemand solle sagen, die Kurden hätten kein Buch. Mikdad Midhat brachte dieses Erbe mit der Zeitung zusammen. Zwei Zeitalter der Feder gaben sich auf vier Seiten die Hand.

Warum ausgerechnet dieses Werk? Weil es der bekannteste Klassiker war, den die Kurden ihren eigenen nennen konnten. Wer ihn in der Zeitung wiederfand, hielt zugleich ein Stück Heimat in Händen. Die Literaturseite wurde so zur stillsten und zugleich stärksten Botschaft des Blattes: Ein Volk, das ein solches Buch besitzt, ist kein Volk ohne Gedächtnis.

Exil im Exil: die Route der Zeitung

Das Erscheinungsleben von Kurdistan glich dem Leben seiner Macher: immer unterwegs.

Die Zeitung wurde in Kairo geboren, doch sie konnte dort nicht bleiben. Schon vor Ende des ersten Jahres erschien sie aus Genf; im Impressum der siebten Nummer vom 5. November 1898 steht Genf als Druckort. Die Leitung übernahm dann Mikdad Midhats Bruder Abdurrahman Bedirxan. Was trieb das Blatt immer weiter? Die Route wurde länger und länger: von Genf zurück nach Kairo, dann nach London und in das englische Küstenstädtchen Folkestone, von dort wieder nach Genf. Hinter jedem Umzug standen dieselben zwei Kräfte: der diplomatische Druck des osmanischen Hofes und die Geldnot.

Die Regierung Abdülhamids setzte jedes Mittel ein, um das Blatt zum Schweigen zu bringen: Druck auf die Gastländer, Verbannung und Gehaltszange gegen die Familie, Beschlagnahme an den Grenzen. Und dennoch brachte Kurdistan von 1898 bis 1902 einunddreißig Nummern heraus. Einunddreißig mag wenig scheinen. Rechnet man die Umstände ein, zählt jede einzelne Nummer als ein Sieg.

Wie erreichte die Zeitung ihre Leser?

Aber wie kamen diese Nummern überhaupt zu ihren Lesern? Eine Zeitung per Post nach Kurdistan zu bringen war meist unmöglich. Die Nummern reisten heimlich: in den Bündeln der Pilger, in den Lasten der Händler, über die Wege, die nur die Grenzdörfer kannten. Die Briefe in den eigenen Spalten der Zeitung sind die lebendigen Zeugen dieser Mühe.

Man stelle sich eine Zeitung vor, die ihre Leser wie Schmuggelware erreicht. Und sie wurde gelesen. Die eingehenden Briefe sind auch dafür der Beleg. Die Quellen sind eindeutig: Das Blatt fand seinen Weg, gegen jede Grenze.

Nach Kurdistan: die Glieder der Kette

Kurdistan verstummte 1902. Doch der Weg, den es geöffnet hatte, blieb offen. Die kurdische Presse wuchs von da an im Pendeln zwischen Exil und Heimat, zwischen Verbot und Möglichkeit.

Als 1908 die Verfassung wiederhergestellt wurde und die Zensur nachließ, wohin liefen die kurdischen Gebildeten? Nach Istanbul, zur Druckpresse. Die Kürt Teavün ve Terakki Gazetesi erschien, die Zeitung der kurdischen Solidarität und des Fortschritts; danach kamen Vereine, Schulen, Zeitschriften. 1913 erschien Rojî Kurd, das Blatt einer kurdischen Studentenvereinigung; der Name heißt „Kurdische Sonne“. Nach dem Ersten Weltkrieg, 1918 und 1919, kam in Istanbul die Zeitschrift Jîn heraus; ihr Name heißt „Leben“, und ihre Seiten sind heute das reichste Archiv des kurdischen Denkens jener Zeit.

Alle diese Blätter wurden später geschlossen oder erloschen von selbst. Die kurdische Pressegeschichte ist eine Geschichte der Unterbrechungen. Doch eine Kette riss nie: Jede Generation gründete, im Wissen um die Zeitung der vorigen, eine neue. Dass der 22. April heute als Tag des kurdischen Journalismus gilt, ist das Bewusstsein dieser Kette. Die Geschichte steht vor jenem Druckraum in Kairo stramm.

Dass wir dieses Erbe heute lesen können, verdanken wir auch den stillen Arbeitern. Der Forscher Malmîsanij und seine Weggefährten haben die kurdische Pressegeschichte dokumentiert. Mehmet Emin Bozarslan gab die Sammlungen von Kurdistan und Jîn als Faksimile neu heraus, als originalgetreue Nachbildung der alten Ausgaben. So leben die vergilbten Seiten in den Bibliotheken weiter.

Was vier Seiten lehren

Welche Lehre bleibt aus der Geschichte der Zeitung Kurdistan?

Erstens: Für ein staatenloses Volk ist die Presse kein Luxus, sondern eine Lebensader. Die Zeitung eines Volkes mit Staat meldet Nachrichten. Die Zeitung eines staatenlosen Volkes meldet außerdem: Wir sind da. Schon der Name Kurdistan war für sich eine solche Meldung.

Zweitens: Das Exil schreibt manchmal nicht das Ende, sondern den Anfang. Die aus Botan gerissene Familie ließ den Namen der verlorenen Heimat am Ufer des Nils in einem Zeitungskopf weiterleben. Sie zeigte: Was mit dem Schwert nicht zu halten war, ließ sich mit der Feder bewahren.

Drittens: Keine Seite erreicht ihren Leser von allein. Die Pilger, die jene vier Seiten über die Grenze trugen, die Dörfler, die sie versteckten, die Neugierigen, die sie lasen und weiterlesen ließen, sind nicht die namenlosen Helden dieser Geschichte, sondern ihre namenlosen Arbeiter. Die Zeitung gehörte auch ihnen.

Die Pressegeschichte eines Volkes ist der Spiegel seines Selbstvertrauens. Dieser Spiegel blitzte zum ersten Mal am 22. April 1898 in Kairo auf. Was danach kam, so oft es auch unterbrochen wurde, ist stets die Fortsetzung jenes Lichts.

Häufige Fragen

Welches ist die erste kurdische Zeitung, und wann erschien sie? Es ist die Zeitung Kurdistan; ihre erste Nummer erschien am 22. April 1898 in Kairo. Gegründet hat sie Mikdad Midhat Bedirxan; die späteren Nummern brachte sein Bruder Abdurrahman Bedirxan heraus.

Warum erschien die Zeitung Kurdistan in Kairo? Die Zensur unter Sultan Abdülhamid II. ließ eine solche Zeitung innerhalb der osmanischen Grenzen nicht zu. Kairo, damals faktisch unter britischer Verwaltung, war eines der Zentren der osmanischen Oppositionspresse.

Wie viele Nummern erschienen, und in welcher Sprache? Zwischen 1898 und 1902 kamen einunddreißig Nummern heraus. Die Sprache war überwiegend Kurmancî in arabischer Schrift; einzelne Teile standen auf Osmanisch. Außerdem druckte das Blatt Ehmedê Xanîs Mem û Zîn in Fortsetzungen.

Warum gilt der 22. April als Tag des kurdischen Journalismus? Weil die erste Nummer der Zeitung Kurdistan das Datum 22. April 1898 trägt. Die kurdische Presse begeht diesen Tag als ihren Gründungstag.

Welche Blätter folgten auf Kurdistan? 1908 die Kürt Teavün ve Terakki Gazetesi in Istanbul, 1913 Rojî Kurd, 1918 und 1919 die Zeitschrift Jîn. Die kurdische Presse reicht in einer unterbrochenen, aber nie ganz gerissenen Kette bis heute.

Quellen und weiterführende Literatur

Hauptquellen (aus der Sammlung Bedel Boseli):

  • Seîd Veroj, „Osmanlı Son Döneminde Kürd Basınında Kürdistan ve Ermenistan Meselesi“; von hier stammen die Angaben zu den Impressen (siebte Nummer, 5. November 1898, Genf).
  • M. Emîn Bozarslan (Hg.), Kurdistan: Rojnama Kurdî ya Pêşîn (Faksimileausgabe der ersten kurdischen Zeitung, 1898-1902).
  • Hamit Bozarslan u. a. (Hg.), The Cambridge History of the Kurds (2021), Abschnitte zu Presse und Aufklärung.
  • Dr. Mehrdad R. Izady, The Kurds: A Concise Handbook (4. Auflage).

Weiterführende Literatur:

  • Faksimile der Zeitschrift Jîn (M. Emin Bozarslan, Uppsala, ab 1985).
  • Die pressegeschichtlichen Arbeiten von Malmîsanij und Mahmûd Lewendî.
  • Amir Hassanpour, Nationalism and Language in Kurdistan, 1918-1985 (1992), Kapitel zur Presse.

Social-Media-Kurztexte

Die folgenden Kurztexte sind zum Teilen gedacht; einfach kopieren und verwenden.

    1. April 1898, Kairo. Ein Fürstensohn im Exil machte den Namen seines Volkes zum Zeitungskopf: KURDISTAN. Die kurdische Presse wurde in einem Druckraum geboren, fern der Heimat: bedelboseli.com/de/zeitung-kurdistan-1898
  1. Die erste kurdische Zeitung trug den ersten großen kurdischen Klassiker: Kurdistan druckte Xanîs Mem û Zîn in Fortsetzungen. Zwei Jahrhunderte, zwei Federn, ein Handschlag auf vier Seiten: bedelboseli.com/de/zeitung-kurdistan-1898

  2. Die Zeitung erreichte ihre Leser wie Schmuggelware: in Pilgerbündeln, in Händlerlasten, über die Wege der Grenzdörfer. Und sie wurde gelesen; die Briefe belegen es: bedelboseli.com/de/zeitung-kurdistan-1898

  3. Kairo, Genf, London, Folkestone: keine Adressliste, sondern eine Exilroute. Der Hof drängte, das Geld ging aus; jede der einunddreißig Nummern wurde ein eigener Sieg: bedelboseli.com/de/zeitung-kurdistan-1898

  4. Die Zeitung eines Volkes mit Staat meldet Nachrichten. Die Zeitung eines staatenlosen Volkes meldet außerdem: Wir sind da. Schon der Name Kurdistan war diese Meldung: bedelboseli.com/de/zeitung-kurdistan-1898

ئەم وتارە هاوبەش بکە